Den eigenen Weg finden: Räumliche Kognition, Orientierung und psychische Gesundheit
Mondschein, A. "Spatial Cognition, Mental Health, and Well-Being." Chapter 7.2 in The Routledge Handbook of Urban Design Practice. London: Routledge. DOI: 10.4324/9781003013655-65
Die Art und Weise, wie wir eine Stadt erleben, ist eine kognitive Leistung mit Folgen für unser psychisches Wohlbefinden. Andrew Mondschein entwickelt dieses Argument in seinem Kapitel „Spatial Cognition, Mental Health, and Well-Being“, in dem er die Tradition des kognitiven Kartierens in der Stadtgestaltung, neuere neurobiologische Forschung zum Hippocampus und den wachsenden Einfluss digitaler Technologien auf unsere Bewegung im urbanen Raum zusammenführt. Seine Schlussfolgerungen richten sich an Stadtgestalterinnen und Stadtgestalter und reichen weiter zu allen, die mit Menschen in deren alltäglichen Umwelten arbeiten, Coaches eingeschlossen. Orientierung im räumlichen Sinn erweist sich als eng verbunden mit Orientierung im existenziellen Sinn: mit der Fähigkeit, Ziele zu setzen, zwischen Wegen zu wählen und sich selbst als Urheber der eigenen Bewegung durch die Welt zu erleben.
Von Lynchs mentalen Karten zum räumlichen Lernen
Seit Kevin Lynch 1960 „The Image of the City“ veröffentlichte, arbeiten Stadtgestalterinnen und Stadtgestalter mit einer Typologie von fünf Elementen, über die Menschen Städte wahrnehmen und erinnern: Merkzeichen, Brennpunkte, Wege, Bereiche und Grenzlinien. Lynch bezeichnete eine Stadt als „imageable“, also einprägsam, wenn die Anordnung dieser Elemente es Menschen erlaubt, ein klares und kohärentes inneres Bild von ihr zu entwickeln. Mondschein nimmt diesen Ansatz als Ausgangspunkt und erweitert ihn erheblich. Kognition umfasst in seiner Lesart den gesamten Prozess, in dem wir Informationen aus unseren Sinnen, aus Karten und aus Apps aufnehmen, den wahrgenommenen Elementen Werte zuschreiben und auf dieser Grundlage schließlich Entscheidungen treffen. In seiner Formulierung verwandeln kognitive Prozesse Räume in Orte.
Die Humangeographie und die Umweltpsychologie haben seit Langem betont, dass es sich dabei um einen Lernprozess handelt. Jeder Gang durch eine Straße und jedes Treffen mit Freunden an einer vertrauten Ecke ergänzt und verfeinert die kognitive Karte. Die Art der Auseinandersetzung prägt das Ergebnis. Verkehrsstudien zeigen, dass kognitiv „aktive“ Fortbewegungsarten wie Gehen und Autofahren genauere kognitive Karten hervorbringen als „passive“ Formen wie die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder das Mitfahren als Beifahrer. Räumliches Lernen verläuft zudem ungleich zwischen Individuen und sozialen Gruppen, ein Befund mit Konsequenzen für Fragen der Gerechtigkeit und des Zugangs zur Stadt.
Der Hippocampus als raumzeitliches Organ
Die neurobiologische Dimension ist vielleicht der bemerkenswerteste Beitrag des Kapitels. 2014 erhielten John O’Keefe, May-Britt Moser und Edvard Moser den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Entdeckung der zellulären Grundlagen kognitiver Karten. Sogenannte Ortszellen und Gitterzellen im Hippocampus organisieren sich in Reaktion auf äußere Reize und bilden die physiologische Grundlage für räumliche Orientierung und Entscheidungsfindung.
Dieselbe Hirnregion ist auch der Sitz des episodischen Gedächtnisses, der Ordnung vergangener Erfahrungen in zeitlicher Abfolge. Gedächtnis und Kognition im Hippocampus sind daher „vierdimensional“ und verbinden Raum und Zeit. Mondschein bezieht dies auf unsere Evolutionsgeschichte, in der Jagen, Sammeln und andere überlebenswichtige Tätigkeiten räumliches Wissen ebenso erforderten wie die Erinnerung an eine Abfolge notwendiger Handlungen. Der tägliche Arbeitsweg oder der samstägliche Gang zum Markt beansprucht heute dieselben Fähigkeiten. Da all diese kognitive Arbeit selbst gesetzten Zielen dient, deutet Mondschein unsere raumzeitlichen Erfahrungen, von denen viele in städtischen Kontexten stattfinden, als eine Form der Selbstverwirklichung im Sinne Maslows, als Entfaltung menschlichen Potenzials, die zum psychischen Wohlbefinden beiträgt.
Kognitive Reserve und das Training der Orientierung
Räumliche Fähigkeiten stehen zudem in Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit insgesamt. Altersbedingter kognitiver Abbau und Erkrankungen wie Alzheimer beeinträchtigen häufig schon früh die Fähigkeit zur Navigation. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass kognitiv anspruchsvolle Tätigkeiten, darunter Navigation und Wegfindung, mit einem langsameren Verlauf des Abbaus einhergehen. Die bekannten Studien an Londoner Taxifahrern, die das verschlungene Straßennetz der Stadt auswendig lernen müssen, haben Neurowissenschaftler dazu veranlasst, das Konzept einer „kognitiven Reserve“ vorzuschlagen: einer Ressource, die durch anhaltende kognitive Anstrengung aufgebaut wird und die Folgen des Abbaus hinauszögern kann. Mondschein greift dafür auf die Metapher eines Muskels zurück. Regelmäßig trainiert, kann räumliche Kognition langfristig der Gesundheit und dem Wohlbefinden zugutekommen.
Die Delegation der Orientierung an die Technik
An dieser Stelle wendet sich das Kapitel einer Entwicklung zu, die die meisten von uns täglich erleben. Informations- und Kommunikationstechnologien haben sich als mächtige Vermittler zwischen Menschen und Orten etabliert. Viele Menschen verlassen sich selbst in ihrer eigenen Stadt auf GPS-Navigation. Studien zeigen, dass diese Abhängigkeit die kognitive Karte schwächt, die dadurch weniger ausgebildet und weniger genau wird. Empfehlungsplattformen wie Yelp übernehmen einen weiteren Schritt, nämlich die Wahl des Ziels selbst, indem sie persönliches räumliches Wissen durch algorithmische Rankings auf der Grundlage von Nutzerbewertungen ersetzen. Mobile Medien fügen eine dritte Ebene hinzu: einen fortlaufenden Strom von Reizen ohne Bezug zur Umgebung, der die Aufmerksamkeit selbst inmitten einer belebten Straße bindet.
Mondschein erwartet, dass autonome Fahrzeuge diese Tendenz verstärken werden, da die Automatisierung jede Autofahrt in das Äquivalent einer Taxifahrt verwandeln und jede Anforderung an Aufmerksamkeit oder Entscheidung beseitigen würde. Die Auswirkungen dürften auf der Ebene der Stadtregion am stärksten sein, wo die kognitive Karte ihre Kohärenz insgesamt verlieren kann. Lokale Nachbarschaften, die zu Fuß erkundet werden, sollten grundsätzlich widerstandsfähiger bleiben. Auch hier verringert Ablenkung jedoch die Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Umgebung, und Empfehlungstechnologien lenken Menschen aus ihren eigenen Vierteln heraus zu Zielen an anderen Orten.
Das Kapitel würdigt auch das konstruktive Potenzial dieser Technologien. Digitale Werkzeuge können sichtbar machen, was die Sinne nicht wahrnehmen, etwa Luftverschmutzung oder verunreinigtes Wasser, und auf diese Weise eine besser informierte kognitive Karte speisen. Die entscheidende Frage betrifft somit die Art der Beziehung zwischen digitalen und physischen Ebenen, die Gestalterinnen, Gestalter und Nutzende pflegen.
Strategien für eine kognitiv anregende Stadt
Mondschein stützt sich auf Lynchs spätere Beobachtung in „A Theory of Good City Form“, wonach „der Prozess der Kognition von größerem Wert ist als die daraus hervorgehende mentale Struktur“, und stellt das Lernen ins Zentrum der Stadtgestaltung. Zugleich mahnt er, dass sich Orte ihren Bewohnerinnen und Bewohnern nicht von selbst einprägen. In einem abgelenkten und medial vermittelten Zeitalter müssen sich Einzelne und Gemeinschaften bewusst mit ihrer Umgebung auseinandersetzen, um von ihr zu profitieren. Er schlägt drei einander ergänzende Strategien vor.
Die erste betrifft die Infrastruktur. Weniger Autoverkehr in Wohnvierteln fördert Gehen und Radfahren, die sich kognitiver Passivität widersetzen. Die Superilles (Superblocks) in Barcelona dienen als aufschlussreiches Beispiel: Innerhalb des bestehenden Rasters werden zuvor uneingeschränkt befahrbare Straßen in Fußgänger- und Fahrradquartiere umgewandelt. Straßennetze lassen sich zudem mit bewusst unterschiedlichen Umgebungen gestalten, die zum Entdecken und zu echter Wahl zwischen Routen einladen und damit der Logik von Algorithmen entgegenwirken, die auf die kürzeste Distanz optimiert sind.
Die zweite Strategie fügt bestehenden Orten neue Bedeutungsebenen hinzu. Das Projekt Networked Public Space in Shockoe Bottom, Richmond, Virginia, misst mithilfe von Sensoren die Luftqualität in einem Viertel, dessen Bewohnerinnen und Bewohner bis heute die Folgen historischer Entscheidungen tragen, Autobahnen und Bahnlinien mitten hindurchzuführen. Die Daten werden online veröffentlicht und zugleich im öffentlichen Raum über reaktive Lichtinstallationen sichtbar gemacht. Auf diese Weise werden Umweltungerechtigkeit und die Geschichte des Ortes wahrnehmbar, und das räumliche Gefüge gewinnt an Bedeutung und an Anstoß zu gemeinsamem Handeln.
Die dritte Strategie betrifft Lernen, Spiel und Intentionalität. Räumliche Kognition wandelt sich womöglich von etwas, das Menschen früher aus Notwendigkeit taten, zu etwas, das sie heute aus freier Entscheidung tun. Mondschein verweist auf die Psychiaterin Mindy Fullilove, deren Praxis des „finding the elephants“ erkundende Spaziergänge organisiert, auf denen Bewohnerinnen und Bewohner ihre Nachbarschaft gemeinsam kennenlernen. Beschilderung, Ausstattung und spielerische hybride Formate können solche Erfahrungen gemeinsamer Erkundung unterstützen.
Folgerungen für die Coaching-Praxis
Für einen systemisch-integrativen Coaching-Ansatz, der Menschen als eingebettet in ihre Umwelten versteht, bietet das Kapitel mehrere fruchtbare Anknüpfungspunkte. Der erste liegt in der engen neurobiologischen Verbindung zwischen räumlichem Wissen, episodischem Gedächtnis und Selbstempfinden. Klientinnen und Klienten, die davon sprechen, sich desorientiert, verloren oder richtungslos zu fühlen, beschreiben ihre Situation häufig in räumlichen Metaphern, und diese Metaphern greifen auf dieselbe kognitive Architektur zurück, die uns durch eine Stadt leitet. Die Arbeit mit solchen Bildern im Coaching, etwa durch räumliche Aufstellungen, am Boden ausgelegte Zeitlinien oder skizzierte persönliche Landkarten, aktiviert Fähigkeiten, die physiologisch im Hippocampus verankert sind.
Ein zweiter Anknüpfungspunkt betrifft das Gehen als Coaching-Setting. Walk-and-Talk-Formate verorten das Gespräch in einer aktiven, verkörperten Form der Bewegung, in der die Aufmerksamkeit für die Umgebung und die Reflexion der eigenen Situation einander stützen können. Gemeinsam eine Route zu wählen, an einer Landmarke innezuhalten oder eine Grenzlinie zwischen zwei Vierteln zu überschreiten, kann zum Anlass werden, über Entscheidungen, Übergänge und Grenzen im Leben der Klientin oder des Klienten nachzudenken. Die phänomenologische Tradition der Geographie, von Otto Friedrich Bollnows hodologischem Raum bis zu Yi-Fu Tuans Topophilie, hat diese Verflechtung von Bewegung, Ort und Erfahrung seit Langem beschrieben.
Ein dritter Anknüpfungspunkt betrifft die Autonomie. Mondscheins Argumentation legt nahe, dass die gewohnheitsmäßige Delegation der Orientierung an Geräte auch einen kleinen, doch bedeutsamen Teil unserer Handlungsfähigkeit abgibt. Coaching kann Klientinnen und Klienten einladen, wahrzunehmen, wo sie in ihrem Alltag Entscheidungen an Algorithmen und Routinen übertragen haben und wo sie diese zurückgewinnen möchten. Ein bewusster Spaziergang ohne Navigation durch einen unbekannten Teil der eigenen Stadt kann als bescheidenes Experiment dieser Art dienen, als Übung darin, Ungewissheit auszuhalten und der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
Abschließende Überlegung
Mondschein kommt zu dem Schluss, dass die Entscheidung, das Telefon wegzulegen, die Sinne zu öffnen und die Umgebung kennenzulernen, letztlich eine individuelle ist, und dass Gestaltung die Bedingungen schaffen kann, die solche Entscheidungen wahrscheinlicher und lohnender machen. Neuere Erkenntnisse der Neurowissenschaften bestätigen, dass diese Erfahrungen für kognitive Gesundheit und Wohlbefinden relevant bleiben. Für Stadtgestalterinnen und Stadtgestalter besteht die Aufgabe darin, Orte zu schaffen, die aufmerksames Engagement und aktive Wahl herausfordern. Für Coaches erinnert das Kapitel daran, dass die Stadt eine Ressource für Reflexion und Entwicklung ist und dass die Fähigkeit, den Weg durch sie zu finden, eng mit der Fähigkeit verbunden ist, den eigenen Weg im Leben zu finden.
Weitere Quellen
Lynch, K. 1960. The Image of the City. Cambridge, MA: MIT Press.
Lynch, K. 1981. A Theory of Good City Form. Cambridge, MA: MIT Press.
Fullilove, M. T. 2013. Urban Alchemy: Restoring Joy in America's Sorted-Out Cities. New Village Press.
Mondschein, A., E. Blumenberg, and B. D. Taylor. 2010. "Accessibility and Cognition: The Effect of Transport Mode on Spatial Knowledge." Urban Studies 47 (4): 845–866.
Ishikawa, T., H. Fujiwara, O. Imai, and A. Okabe. 2008. "Wayfinding with a GPS-Based Mobile Navigation System." Journal of Environmental Psychology 28 (1): 74–82.
Wilson, R. S. et al. 2013. "Life-Span Cognitive Activity, Neuropathologic Burden, and Cognitive Aging." Neurology 81 (4): 314–321.